Schloss Ludwigslust Ludwigslust
Alltagsleben – SinnenfreudenNiederländische Grafik des 16. und 17. Jahrhunderts
07. Dezember 2005 - 12. März 2006
Die niederländische Grafik des 16. und 17. Jahrhunderts ist bereits in ihren sehr frühen bildhaften Äußerungen im Spannungsfeld von Sinnbild und Realität angesiedelt. Nahezu alle Darstellungen reflektieren auf originäre Weise die Dualität der Erscheinungen. Reales und Ideales stehen für sich oder bilden inhaltlich eine Symbiose. Von Kupferstichen, Radierungen oder Schabkunstblättern geht noch nach Jahrhunderten eine nachhaltig wirkende Faszination aus. Das liegt einerseits an dem reichen Spektrum der unterschiedlichsten Themen, andererseits auch an der Vielfalt der technisch praktizierten Möglichkeiten. Gerade die dichte Palette der technischen Varianten des bildhaften Ausdrucks zeugt von höchstem handwerklichem Können einer phänomenal großen Künstlerschar und spiegelt deren eminenten Erfahrungsreichtum der sichtbaren Welt wider.
In der Überzahl sind die grafischen Leistungen Bestandteil einer einzigartigen visuellen Kultur, die wie Gemälde und Zeichnungen zur theoretischen, sozialen und praktischen Weltorientierung dieses Zeitraums beigetragen haben.
Die Stecher und Radierer des 16. Jahrhunderts verbreiteten ihre künstlerischen Erfindungen mit Hilfe des sich in Antwerpen entwickelnden Verlagswesens. Dazu gehörten so erfolgreich arbeitende Künstler wie Hieronymus Cock, der das berühmte Verlagshaus „In de Vier Winden“ gründete, Philips Galle und auch Gerhard de Jode, der 1585 eine Bilderbibel und später die ersten niederländischen Weltkarten heraus brachte. Grafiker wie Hendrick Goltzius veröffentlichten ihre Kupferstiche im eigenen Verlag, während Claes Jansz. Clock zum Beispiel nach Goltzius’ zeichnerischen Vorlagen arbeitete und dessen besondere manieristische, klare Stichtechnik übernahm.
Im 17. Jahrhundert, nach der Unabhängigkeit der nördlichen Provinzen von langer spanischer Vorherrschaft, entwickelten sich Harlem und Amsterdam zu lebendigen Kunstzentren, so dass Druckereien, Grafikverlage und Kunsthandlungen immer mehr prosperierten. Auf dem Markt erschienen Porträts, Landschaften, Tages- Monats- und Jahreszeitenfolgen, viele Alltagsschilderungen, sowie weltliche und religiöse Allegorien.
Im „Gouden Eeuw“, im Goldenen Zeitalter der Holländer, wurde der unterhaltende und belehrende Aspekt ein wichtiger Tenor der Kunst. Szenen von großen und kleinen Dorffesten, Fünf- Sinne- Allegorien, Genredarstellungen weisen eine Gerichtetheit vor, deren Grund in der Sphäre der rationalen Lebensführung, der religiösen Praxis und dem humanistischen Bildungsgut der Zeit liegt. Viele Grafiken klärten zusätzlich über kalligraphisch schön gestaltete Textzeilen den engen Zusammenhang von Bild und Wort und dokumentieren damit dass der Gedanke von Belehrung und Vergnügen durchaus im Bewusstsein der holländischen Künstler verankert war.
Adriaen van Ostade, dem genauen und humorvollen Beobachter, gelingt es überzeugend mit atmosphärischen Szenen aus dem ländlichen Leben eine Identifikationsebene zwischen Künstler und Bauern herzustellen. Stecher wie Cornelis Dusart oder Pieter Jansz. Quast entwickelten Szenen vom Alltag aus distanziertem Blickwinkel, dabei dezent moralisierend, mit Spott und pikanten Zweideutigkeiten.
Pieter Bout, Jan Dirksz. Both, Pietr van Laer u. a. beobachteten unverstellt das ganz normale Tagesgeschehen. Barocke Sinnenfreude wird auf Grafiken von Schelte Adamsz. Bolswert, Cornelis Pietersz. Bega, Paulus Pontius miterlebbar. Die Niederländer begegneten in der Kunst Facetten eigener Welterfahrung, die sich ihnen als Realität ihres Alltags oder als Sinnbilder offenbarten.
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